6. August 2010
Die Rücktrittsrede von Hans-Rudolf Merz war ein gelungener Auftritt. Doch verräterische Gesten entlarven ihn.

Mit einer erstaulich gelassenen und sympathischen Bemerkung zu den Journalisten stieg Bundesrat Merz in seine Rücktrittsrede ein. Gleich zu Beginn gab er dann mit fester und ruhiger Stimme seine Demission bekannt. Daraufhin folgte die Begründung des Zeitpunkts seines Rücktritts, seine Einschätzungen zu den laufenden Dossiers und eine Zusammenfassung seiner politischen Erfolge. Ein klassischer Aufbau: Einstieg – Hauptteil – Schlusswort.
Gestik, Mimik und Körperhaltung waren natürlich. Er bewegte sich, benutzte seine Hände und nutzte seine rhetorischen Pausen für ein Lächeln ins Publikum. Fast schon perfekt. Doch es lässt sich noch etwas Verräterisches finden – das heimtückische Anfassen der Nase. Dies tat er, während dem er über den Steuerdialog mit der EU sprach. Die Diskussionen würden intensiv werden, meinte er. Was das wohl heissen mag? Denn der Griff zur Nase steht oft für Zweifel, Unsicherheit oder eine Lüge…
Trotz dieses Details war der Auftritt gelungen und vor allem authentisch. Eine solche Gelassenheit kann man in einer derartigen Situation nur dann ausstrahlen, wenn die Vorbereitungen sorgfältig waren und man genügend Übung hat. Das ist nicht nur bei Bundesräten so.
Michael Frei, Projektleiter
Schlagworte: Auftritt, Medientraining, Rhetorik, Rhetoriktraining
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30. Juli 2010

Er ist nicht nur der Erfinder der Blumenkohlwolke, man konnte eine Zeit lang fast meinen, er habe das Wetter ganz allgemein erfunden. Bis auch über Kachelmann dunkle Wolken aufzogen, die er anscheinend selber nicht vorausgesehen hat. Wäre nicht der schreckliche Vergewaltigungsvorwurf, hätte die Geschichte mit den 14 (VIERZEHN!) Frauen fast komödiantische Ausmasse. Allen 14 gab Kachelmann den gleichen Spitznamen, damit er die Gute-Nacht-SMS nur einmal schreiben musste: Lausemädchen. Unglaublich.
Aber hier soll nicht die Schuldfrage geklärt werden. So oder so, Kachelmann wird einen Imageschaden davon tragen. Egal wie der Prozess ausgeht. Aber Trotzdem: Kachelmann ist Medienprofi und gibt Vollgas. Schon beim Haftantritt gab er den Siegessicheren, kein Foto, auf dem er niedergeschlagen wirkte. Und nun bei der Haftentlassung tat er alles, um seine Unschuld visuell zu untermauern. Um 11:29 kam die Nachricht, dass Kachelmann aus der Haft entlassen wird. Aber wer denkt, Kachelmann habe es eilig, der irrt. Ganze zwei Stunden dauert es, bis er das Gefängnis verlässt. Er erweckt den Eindruck: Ich habe ja nichts verbrochen, also ist das Gefängnis auch nicht mein Feind. Der Anwalt setzt noch einen drauf und erklärt, dass sich Herr Kachelmann bei den Gefangenen, den Wärtern und der Gefängnisleitung für die vorzügliche Behandlung bedankt hat. Wer macht denn so was?
Er duscht also noch, rasiert sich und tritt so, mehr oder weniger entspannt, im weissen Shirt vor die Gefängnistore, wo die Medien auf ihn warten. Noch kurz eine Umarmung mit einem Gefängniswärter, um dann brav neben den Anwalt zu stehen und zu lächeln. Da kommt einem unweigerlich der Gedanke: sieht so ein Vergewaltiger aus? Und schon hat sein Plan funktioniert. Während wir nun diese Show analysieren können, bin ich sicher, dass bei vielen Leuten der gewünschte Effekt eingesetzt hat. Was meinen Sie: Seifenoper oder grosses Kino?
Mirco Baumann, Berater
Schlagworte: Anwalt, Jörg Kachelmann, Medienprofi, Show, Vergewaltigung, Wetter
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13. Juli 2010
Zum Rücktritt von Moritz Leuenberger
Jetzt denken Sie bestimmt: Ach nein, nicht noch ein Kommentar zum Rücktritt von Bundesrat Moritz Leuenberger! Doch, noch ein Kommentar. Aber kein politischer. Ich möchte nicht darüber urteilen, ob die letzten 15 Jahre unter Leuenberger gut oder schlecht waren oder ob seine Politik angemessen oder deplatziert war. Das haben schon genügend andere vor mir getan. Ich möchte ihm ein Kränzchen winden – politisch völlig neutral – und zwar ein Kommunikations-Kränzchen.

Moritz Leuenberger hat wie kein anderer erkannt, wie wichtig die Kommunikation eines Bundesrates ist. Und damit hatte er vielen seiner Kollegen so einiges voraus, wie wir alle wissen. Zu Recht wurde immer wieder sein rhetorisches Talent gelobt. Seine geistreichen Reden wurden immer wieder als Musterbeispiele genannt und er war derjenige, der sich für den öffentlichen Diskurs eingesetzt hat. Moritz Leuenberger sprach gerne zu und vor Menschen. Er spielte mit den Worten, fand auch in schwierigen Momenten die richtigen und verstand es, Ironie und Witz gekonnt einzusetzen. Man musste sich nicht fremdschämen, wenn er eine Rede hielt oder am Fernsehen auftrat. Vielleicht gab es hin und wieder Punktabzüge wegen seiner zu dramatischen Mimik oder seiner etwas überdrehten Art. Aber das hat keinen Einfluss auf die Schlussbewertung: In Sachen Rhetorik und Sprachgewandtheit ist er unter den Bundesräten ungeschlagen. Oder sehen Sie das etwa anders?
von Dr. phil. Martina Vogel, Beraterin
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29. Juni 2010
Nicolas Hayek ist tot. Der Retter der Schweizer Uhr. Der Mann mit Zigarre und Bart. In Biel soll es schon bald einen Hayek-Platz geben. Abgesehen davon, dass Hayeks Tod für die Familie tragisch und für die Nation ein grosser Verlust ist, macht sich in der Öffentlichkeit auch grosse Erleichterung breit: Der gute Mann hat schon lange vorgesorgt. In der Chefetage sitzt die halbe Familie: Tochter und Sohn im Verwaltungsrat an der Spitze und in Zukunft vermutlich der Enkel als CEO. Das Unternehmen ist also auf Kurs, die Zahlen stimmen, und der seit gestern sinkende Aktienkurs hat wohl eher mit dem kriselnden Uhrenmarkt in China zu tun, als mit dem Tod von Hayek. Und nicht zu vergessen, ein Mann der zu den Sternen flog, sitzt auch im Verwaltungsrat: Claude Nicollier.
Wenn wir schon bei den Sternen sind, machen wir doch gleich den Schritt zur Vision – oft auch bezeichnet als der Leitstern des Unternehmens. Es ist schön und gut, wenn die halbe Familie das Unternehmen weiterführt und die Zahlen im Griff hat. Die entscheidende Frage ist aber: Wie kann sich das Unternehmen vom visionären Übervater lösen? Wie gehen die Mitarbeiter damit um, die bei der Todesnachricht in Tränen ausbrachen? Wie die Lieferanten, Aktionäre, Kunden? Diese Fragen gilt es jetzt zu beantworten, da sind die Finanzen nebensächlich. Noch selten war der Name des Inhabers so bekannt wie der Markenname selber. Es muss dem Unternehmen nun gelingen, sich ohne einen bekannten Mann an der Spitze durchzusetzen. Die Kommunikationsabteilung der Swatch Group wird sich in den nächsten Monaten dieser Aufgabe annehmen. Wenn die Kommunikationsverantwortlichen wirklich clever waren, haben sie sich auch darauf vorbereitet. Eine schwierige, aber lösbare Aufgabe. Was meinen Sie, gelingt dem Unternehmen dieser Kulturwandel?
Mirco Baumann, Berater und Trainer
Schlagworte: Claude Nicollier, Kulturwandel, Nicolas Hayek, Unternehmen, Verwaltungsrat, Vision
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